Eine Herberge gefunden

Moohamad lebt nach seiner Flucht vor dem Krieg in Syrien im Geseker Gemeindezentrum im Kirchenasyl

Geseke. Die Verbindung zu seinem Heimatland ist auf wenige Zentimeter geschrumpft. Geschrumpft auf die Größe des Displays auf seinem Handy. Mehrfach am Tag schaut Moohamad auf sein Mobiltelefon, hält es wie ein Wünschelrutengänger vor sich, um den besten Ort für den Empfang im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde in Geseke zu finden, wo er seit Anfang September im Kirchenasyl lebt. Dieses Ritual wiederholt der 40-Jährige morgens, mittags und abends.

„Er telefoniert mindestens dreimal am Tag mit seiner Frau über Whats App“, weiß Pfarrerin Kristina Ziemssen. Whats App – das ist alles, was ihm von seinem Heimatland Syrien, seiner Familie, seinen Freunden geblieben ist. Und das nun schon seit über drei Jahren.

Im Sommer 2015 hat sich Moohamad auf den Weg gemacht. In Syrien hatten sie ihn ins Gefängnis geschickt, ihn geschlagen und gefoltert. Und das alles nur, weil er sich in einem Cafe abfällig über den Tyrannen Assad und dessen Mordgesellen geäußert hatte. „Wenn ich nicht geflohen wäre, würde ich heute vermutlich nicht mehr leben“, macht der gelernte Koch deutlich, dass die Flucht alternativlos war.

Zurückgelassen hat er seine Ehefrau, mit der er erst seit wenigen Jahren verheiratet ist. Der Plan war, dass sie nachkommen sollte, wenn er das sichere Europa erreicht hat. Doch daraus wurde bisher nichts, weil die Politik dem Familiennachzug inzwischen einen Riegel vorgeschoben hat.

Hinter Moohamad liegt eine Zeit, die von Verzweiflung und Ausweglosigkeit geprägt war. Erst im Kirchenasyl hat er wieder Ruhe gefunden. „Er lacht endlich wieder“, sieht Ziemssen eine deutliche Wesensveränderung bei dem jungen Syrer. In den ersten Tagen haben die Menschen, die ihn in Geseke betreuen, einen vollkommen zerbrochenen Mann erlebt.

Einen Mann, der monatelang mit der Angst gelebt hat, in den Libanon abgeschoben zu werden. Das aber hätte seine sichere Rückkehr nach Syrien bedeutet. Da Moohamad auch geflohen ist, weil er nicht zum Militär wollte; weil er in diesem Krieg, den schon längst niemand mehr versteht, nicht auf seine Landsleute schießen wollte, wartet dort der Tod auf ihn.

Auch deshalb war es für Pfarrerin Ziemssen und ihr engagiertes Presbyterium keine Frage, als nachgefragt wurde, ob Geseke ein weiteres Mal ein Kirchenasyl anbieten würde, nunmehr bereits zum dritten Mal in den vergangenen zwei Jahren. „Wir mussten da nicht lange diskutieren“, berichtet Ziemssen.

Dass die rechtlichen Bedingungen für das Kirchenasyl inzwischen deutlich verschärft worden sind und es bis zu 18 Monate dauern kann, haben die Geseker nicht in und an ihrer Haltung zweifeln lassen: „Wir rechnen damit, dass wir das hier 18 Monate durchhalten müssen. Das wird sicherlich noch spannend werden“, weiß auch Ziemssen, dass solch ein Kirchenasyl eine echte Belastungs- aber auch Bewährungsprobe für eine Kirchengemeinde sein kann.

Für Moohamad aber ist es vor allem „ein Licht in der Dunkelheit“, wie er es selbst ein wenig prosaisch formuliert:  „An diesem Ort und bei dieser lieben Familie fühle ich mich sicher. Ich habe hier nicht das Gefühl, dass ich eine fremde Person bin.“

Dieses gute Gefühl soll Moohamad natürlich auch während der Weihnachtsfeiertage haben, die für den Kreis der Unterstützer um Pfarrerin Ziemssen noch einmal eine besondere Herausforderung sind, da dann das sonst so quirlige Leben im Gemeindezentrum weitgehend zum Erliegen kommt. Lediglich die Gottesdienste werden dann Leben in das Haus bringen.

Für den bekennenden Moslem ist das christliche Weihnachten dabei nichts Neues: „Ich kenne alle Feiertage der Christen und deren Bedeutung“, sagt er und ergänzt: „Früher haben in Syrien Menschen mit  verschiedenem Glauben friedlich nebeneinander gelebt, da gab es nie Probleme.“

Die Hoffnung, dass sein Heimatland irgendwann einmal wieder so friedlich sein wird, dass er zurückkehren kann, hat er dabei längst aufgegeben: „Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder nach Syrien zurück kann. Diese Hoffnung hat jeder Syrer, der sein Heimat verlassen hat, längst aufgegeben.“ Was ihm bleibt, ist die Hoffnung, dass seine Frau nach Deutschland kommen darf: „Dafür bete ich jeden Tag.“

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